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Vom Ursulinenkloster zum Oberstufenzentrum Mariahilf

 

 

Südeingang um die JahrhundertwendeDie Betrachtung der Geschichte des Ursulinen- klosters zeigt uns, dass es wohl keine Institutionen oder öffentlichen Gebäude in der Stadt Luzern gibt, die von den Stürmen der Geschichte und vor allem von den politischen Hauptrichtungen so geprägt wurden wie das Mariahilfgebäude. Alt Luzern setzte sich mit der am Musegghang liegenden Anlage nach dem Bau der Hofkirche und der Jesuitenkirche ein weiteres, weit herum sicht-bares Denkmal für seinen Anspruch, Zentrum der Gegen-reformation in der Eidgenossenschaft zu sein.

Die Berufung des Jesuitenordens für die Knabenbildung im Jahre 1574 und der Ursulinen für die Mädchenbildung im Jahre 1659 waren in erster Linie eine Folge des Konzils von Trient, das im Zeichen der Gegenreformation Pfarr- und Klosterschulen forderte. Nachdem die Ursulinen an verschiedenen Orten in der Stadt Luzern gewohnt und unter-richtet hatten, liessen sie in den Jahren 1676-1681 das Kloster Mariahilf bauen. Die barocke Anlage mit der Südfassade als Schauseite, den beiden Turmaufbauten auf dem Konventflügel, einer reich gegliederten Kirchenfassade und den originellen Rundtürmen der Kirche sind eine Schöpfung des Münchner Jesuitenbruders Heinrich Mayer. In Anpassung an das steil abfallende Gelände wurde eine lang gezogene S-Form gewählt, welche von Westen nach Osten den Schul-, Pensionats- und Konventflügel sowie die Kirche umfasst.
Unter der Leitung einer Superiorin widmeten sich die Ordensfrauen dem religiösen Leben und führten in Luzern das erste Mädchenpensionat, die erste offene und unentgeltliche Töchterschule, das erste Lehrerinnenseminar mit Übungsschule und eine Sonntagsschule für weibliche Erwachsene. Mädchen aller Stände erhielten eine solide, zeitgemässe Ausbildung. Nur im separat geführten "Pensionat für adelige Töchter" wurde ein beschei-denes Kostgeld verlangt. Es wurden folgende Fächer erteilt: Religions-, Tugend- und Sitten-lehre, Lesen, Schreiben, Rechnen, Latein, Singen, Handarbeit und Hauswirtschaft. 1781 kam Französisch dazu.

Für den Französisch- und Hauswirtschaftsunterricht verfasste der auch als Autor historischer Schauspiele bekannte Jesuitenpater Joseph Ignaz Zimmermann ein für damalige Verhältnisse vorzügliches Lehrmittel.

In jedem Schulzimmer wurde auf verschiedenen Niveaus unterrichtet. Schülerinnen mit den gleichen Stoff- und Lehrzielen sassen auf der gleichen Bank und konnten nach Erreichen des vorgeschriebenen Pensums nach einer Prüfung die Bank wechseln. Gemäss der damaligen Sitte gab es in den meisten Fächern Einzelunterricht. In einem Schulzimmer unterrichteten meist mehrere Lehrpersonen und eine Novizin, welche auf die Aufgabe als Lehrerin vorbereitet wurde. In der Aufklärungszeit wurde auch in Luzern über Bildungs-fragen gesprochen. Den grossen Schulreformen von Felbiger und dem St. Urbaner Pater Nivard Krauer konnten sich die Ursulinen nicht verschliessen. Neben der Einführung von neuen Methoden wurde auch die Zahl der Schülerinnen vergrössert.

Pläne des Parlamentssaals im vorgesehenen Nationalpalast in der Anlage Mariahilf von Architekt David Vogel


Helvetische "Akropolis"
Im August 1798 wurde Luzern zum Sitz der helvetischen Bundesbehörden bestimmt und das Ursulinenkloster als Versammlungsort festgelegt. Die Ursulinen mussten Mariahilf verlassen. Der Zürcher Architekt David Vogel, der in Paris die Revolutionsarchitektur studiert hatte, wurde mit der Projektierung des Umbaus betraut. Die Klosteranlage war als Regierungs-gebäude und "Nationalpalast" vorgesehen. In der Kirche wurde mit dem Bau des Parlamentssaales begonnen. Das Ursulinenkloster sollte zu einer helvetischen "Akropolis" werden. Mit Säulengängen sollte das Gebäude südlich von Kloster und Kirche zu einem Vorhof umgestaltet werden. Wäre diese Anlage je gebaut worden, so wäre sie sicher zu einer Hauptsehens-würdigkeit von Luzern geworden. Andererseits hätte die erhalten gebliebene barocke Bausubstanz darunter gelitten. Von den Plänen Vogels wurde nur wenig realisiert: die National- druckerei im Schulflügel, verschiedene Kanzleien, Archive und private Räume für das Personal. Wegen der nahenden Kriegswirren verlegte die helvetische Regierung bereits im Mai 1799 ihren Sitz nach Bern. Die Umbaumassnahmen wurden abgebrochen. Von den veranschlagten 325'000 livres waren lediglich 22'558 livres verbaut worden.


Wechselnde Nutzung seit dem 19. Jahrhundert<
Während kurzer Zeit diente ein Teil des Klosters als Spital. Das Gebäude wurde aber auch zu Wohnzwecken genutzt. Versuche zur Wiederherstellung des Klosters und der Schule in den Jahren 1800, 1803-1805 und 1812 scheiterten. Seit 1815 dient die Kirche wieder dem Gottesdienst. Von 1807-1821 waren das Priesterseminar und von 1810-1841 das Lehrerseminar in der Mariahilfanlage untergebracht. 1828 wurden zusätzlich eine Armenschule und 1833 eine Zeichnungsschule für Sekundarschüler und Lehrlinge eröffnet.

Die konservative Regierung installierte von 1843-1847 erneut ein Ursulinenkloster. Im Sonderbundskrieg mussten die Schwestern zusammen mit den Zisterzienserinnen von Eschenbach mit einem Schiff ins Kloster Seedorf im Kanton Uri fliehen.

Das Kloster wurde aufgehoben. Die Gebäulichkeiten dienten von jetzt an den öffentlichen Schulen, der Verwaltung und als Wohnraum. Mariahilf blieb bis ins 20. Jahrhundert hinein eine Töchterschule. 1874 konnten mit dem Anbau des Nordwestflügels sechs Schul-zimmer gewonnen werden. 1878 bezog die städtische Knabensekundarschule das neu erbaute, benachbarte Museggschulhaus.

Mit der Gründung der höheren Töchterschule mit einem Lehrerinnenseminar im Museggschulhaus, 1905, kommt eine Primarübungsschule ins Mariahilfschulhaus. 1920 wird die Zentralschweizerische Verkehrsschule Luzern in das Mariahilf-schulhaus verlegt. Mit der Zeit befanden sich im Mariahilf getrennt geführte Mädchen- und Knaben-sekundarklassen. Bis in die 50er-Jahre gab es getrennte Eingänge für Knaben und Mädchen. Die Koedukation kam erst in den 70er-Jahren.

1974-1977 wird das Mariahilfschulhaus in Verbindung mit der Einführung des 9. obligatorischen Schuljahres und der Errichtung von Schulzentren für die Volksschul-oberstufe ausgebaut. 1978 erfolgt die Einweihung des Oberstufenzentrums. In diesem Jahr wird auch die 300-Jahrfeier des Klosters Mariahilf festlich begangen. Auch im 20. Jahrhundert werden verschiedene Räumlichkeiten durch die Verwaltung und durch Vereine genutzt. Bis 1912 dienten Teile des Schulflügels als Polizeikaserne. Bis heute sind im Konventflügel das Betreibungs-, Friedensrichter- und Konkursamt untergebracht. Von 1968-1997 war im Erdgeschoss des Konventflügels das Rektorat der Sekundarschulen, später der gesamten Oberstufe.

Mariahilf hat in der Luzerner Bildungs- und Schulgeschichte eine entscheidende Rolle gespielt, war hier doch der wichtigste und zeitweise einzige Ausbildungsort für die Mädchen des Luzerner Bürgertums. Hier wurden der Mädchenbildung neue Impulse verliehen. Auch seit der Vertreibung der Ursulinen kam diesem Ort eine grosse Bedeutung im städtischen Schulwesen zu. Es ist das älteste Schulhaus der Stadt Luzern, das nach wie vor der Schule dient. Die nun abgeschlossene Renovation des Mariahilfschulhauses ermöglicht die weitere Nutzung des traditionsreichen Schulgebäudes im Dienste der Bildung für Jugendliche

Guido Bühlmann Ex-Rektor Oberstufe  

Schulhaus Mariahilf

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